Ein Plädoyer für Gerechtigkeit

Ein Plädoyer für Gerechtigkeit

Ein Plädoyer für Gerechtigkeit mag als ein hoher Anspruch gewertet werden, wenn man es selbst in Angriff nähme, eine umfassende Definition dafür zu finden, was Gerechtigkeit ist. Um zu verstehen, was sie darstellt, wird man schließlich darauf stoßen, dass sowohl Gerechtigkeit, als auch die Ungerechtigkeit, soziale und kulturelle Phänomene zu sein scheinen. Sie als Utopie oder gar Illusion zu bewerten und damit geringzuschätzen, griffe zu kurz. Lutz Hausstein ergreift die Initiative, einen Zustand, der zwischen natürlicher und gesellschaftlicher Ressource (Denn: Was könnten wir nicht alles erreichen, wenn wir erkennen würden, wie wir es bedienen müssten?), aber auch der Unerreichbarkeit zu liegen scheint, so zu beschreiben, wie er offenbar auch ist: beschreibbar und anthropomorph.

Dabei erwirtschaftet Hausstein, ähnlich wie etwa Rudolph Bahro in seiner „Logik der Rettung“, durch einen Fundus an Texten eine Perspektive auf die Gerechtigkeit, die ihr nur ex negativo – also aus der Betrachtung ihres Gegenteils – zuteil wird und greift auf diese Weise zu den naheliegenden, sichtbaren und greifbaren Begründungen in aller spürbaren
Gegenwart – in der umgekehrten Logik eines möglichen Untergangs.

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Entscheidend für die inhaltliche Distanz zu politischer Polemik sind die hier vorliegenden Texte dadurch gekennzeichnet, dass sie mit Kulissensturz nicht sparen. Denn nicht „nur etwas sagen“, sondern auch zeigen, dass es nicht gesagt wird – darauf kommt es in einer Gesellschaft an, deren Hauptgestaltung und Hauptaugenmerk auf wenigen und auch streng nach oben hin verknüpften Mediengruppen liegen, die den öffentlichen Raum beherrschen.

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Aus dem Vorwort

Ein Plädoyer für Gerechtigkeit, Texte zur politischen, wirtschaftlichen und sozialen Lage in Deutschland 2008-2012, Edition Bildstein, BOD-Verlag Norderstedt, ISBN: 978-3-8423-2878-5, Buchhandelspreis: 9,50 €

Weitergehende Informationen und Bezugsmöglichkeiten bei der Edition Bildstein.

Rezensionen

Von Gerhard Smole

Fast vergessene Systemleichen …

Wer kennt nicht die sogenannten Explosionszeichnungen von technischen Geräten/Maschinen? Wir steigen hinter Dinge, deren Zusammenhang uns vorher vage irgendwie bekannt war und plötzlich begreifen wir „aha, so funktioniert das also, oder so greift das zusammen.“ So ähnlich ging es mir bei der Lektüre von „Ein Plädoyer für Gerechtigkeit.“ Lutz Hausstein ist es gelungen, eine komplizierte Materie, die derzeit in den Medien und in den sozialen Netzwerken hoch und runter diskutiert wird, zugleich verständlich und schonungslos darzulegen. Ihm ist das gelungen ohne Zynismus und ohne Ideologisierung der immerhin hochbrisanten Themen. Da reicht es schon, wenn er hinsichtlich HartzIV von „in Gesetz gegossener Verfassungswidrigkeit“ spricht. Davon abgesehen ist HartzIV und seine Bürokratie, seine Behörden mit vielen Beispielen und Argumenten ein zentrales Thema im Buch – bissig und entlarvend! Er setzt hier sozusagen das geistige Filetiermesser an, und was dann zum Vorschein kommt läßt einen schon frösteln. Oder wie an anderer Stelle immer wieder Bezug auf den Titel genommen wird: „Denn Gerechtigkeit ist nicht das, was „die oberen Zehntausend“ als gerecht empfinden, sondern vor allem die Menschen, welche sich am anderen Ende der sozialen Leiter befinden.“ Dabei wird nichts ausgelassen, was sich in den letzten Jahren so angesammelt hat – und siehe da, urplötzlich werden fast vergessene Systemleichen wieder lebendig: Als Hausstein über die Banken im Allgemeinen und die HSH Nordbank im Besonderen schrieb, hat er sicher nicht geahnt, daß genau jetzt diese Truppe erneut einen unrühmlichen Platz in Medien und Justiz hat. Einkommensgerechtigkeit zwischen einem ALGII Empfänger und einem Konzernchef, das wird hier behandelt, dringt dann richtig ins Bewußtsein, wenn erklärt wird, daß die grafische Dar-stellung eigentlich nicht möglich ist (geometrisch gesehen bräuchte man wohl ein Buch von 1m Länge um den H4-Satz und ca. 60.000.000 € pro Jahr maßstabgerecht, mit dem Auge erfassbar zu vergleichen). Als angenehm habe ich empfunden, daß mit dem Mittel der Grafik/Statistik sparsam umgegangen wird. Da ist mir die gedankliche Brücke zu 1989/90 und dem, was davon übrig ist oder nie eintrat, viel interessanter. Hier zeigt sich exemplarisch und überzeugend, wie Politik und Elite-Interessen eine Art „Verwüstung“ der gesellschaftlichen Verhältnisse herbeigeführt haben. Da nützt es auch nicht, daß das Verfassungsgericht, am Beispiel HartzIV-Regelsätze, entsprechend geurteilt hat. Lutz Hausstein geht erfrischend respektlos mit dem Gericht und seinem Vorsitzenden um – darf er hier auch, denn sein Plädoyer ist keins vor Gericht, sondern eines im Namen des Humanismus!

Rezension auf den NachDenkSeiten

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Von Roberto J. De Lapuente

Ein Plädoyer gegen Selbstgefälligkeit

Hinter der Hochglanzfassade dieser Gesellschaft hat die postdemokratische Wirklichkeit schon lange eingesetzt. Dort hat sie ethische Kategorien ausgehöhlt und das wirtschaftlichen Interesse zur alleinigen Prämisse der Entscheidungsfindung auserkoren. Die Medien sind dabei nicht mehr als die in Anspruch genommene PR-Abteilung eines demokratischen Lebensgefühls, das sich damit zufrieden gibt, ritualisierte Prozesse zu goutieren und vorher schon ausgehandelte Abstimmungen als lobenswerten Akt der demokratischen Mitbestimmung zu küren. Wer heute Gerechtigkeit einfordert, der wagt den geistigen Tanz mit einer Demokratie, die an sich selbst ermüdet ist und der es völlig genügt, wie eine auszusehen.

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Hausstein sieht die logische Konklusion jedoch sehr wohl und erklärt sie. Und erklärt so nebenher, wie eine Demokratie mehr und mehr in einen Prozess der scheinbaren Reibungslosigkeit hinübergleitet, wie Verfassungsurteile zum weihevollen Ritus werden, nur um nachher durch das Gefeilsche und die ideologisch bedingte Exegese der politischen Parteien modelliert und teilweise entfremdet zu werden. Die Quasidemokratie, die als Kulthandlung abgespult wird, und die dem eigentlichen Souverän, dem big business, dient, schwingt bei Hausstein ständig mit.

Ein Plädoyer für Gerechtigkeit meint letztlich auch: Ein Plädoyer gegen Selbstgerechtigkeit, die dieser zum Krämersystem umgemodelten Demokratie als Grundprinzip innewohnt. Demokratie als Label zu führen ist ihr und ihren Vertretern in geradezu selbstgerechter, selbstgefälliger Arroganz genug. Hausstein erlaubt sich nur einen Querschnitt durch diese Republik, deren res publica es ist, öffentlich so zu tun, als seien Arbeitgeberwünsche und Konzernvorlieben in unser aller Interesse. Er liefert damit aber nicht weniger als einen Ausblick auf eine Demokratie, die sich selbst an ihrem einst auferlegten Anspruch stört, jeden Menschen zu hören, zu schätzen, zu unterstützen. Jeder von Haussteins Texten ist somit ein trauriger Gruß aus einem postdemokratischen Topos.

Vollständige Rezension auf ad sinistram

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