Das sächsische Okapi oder Wie der Kabarettist Gunter Böhnke die Narkolepsie-Erkrankung in sein Leben einbaute

Der sächsische Kabarettist Gunter Böhnke erzählt aus seinem Leben und von seiner Krankheit – so könnte das schlichte Fazit seines Buches „Das mach ich doch im Schlaf“ heißen. Könnte. Aber Böhnke wäre nicht Kabarettist, Wortjongleur und Pfleger der sächsischen Sprache, ein Unikat, Zeitzeuge einer äußerst ereignisreichen Zeitepoche – und nicht zuletzt Betroffener einer bisher nur wenig bekannten Krankheit – wenn er diese interessante Geschichte nicht in interessanten Geschichten erzählen würde.

Gunter Böhnke ist mehr als das, was die meisten Menschen von ihm kennen, nämlich den Kabarettisten Gunter Böhnke. Er hat sich in seinem Leben mit vielem herumgeschlagen. Teils, weil er es aus voller Überzeugung und Leidenschaft tat und tut. Und teils aus dem Zwang der Umstände heraus. Eine Karriere als Lehrer, die schon beendet war, bevor sie überhaupt begann. Seine Arbeit als Bildredakteur bei der DDR-Nachrichtenagentur ADN. Seine langjährige Tätigkeit als Fremdsprachenlektor und Übersetzer englischsprachiger Werke, u.a. auch von Edgar Allan Poe und H. G. Wells. Schon 1964 wurde Böhnke als Anglistik-Student Mitglied der Shakespeare-Gesellschaft und er nutzte 1985 die Gelegenheit einer Literatur-„Recherchereise“ ins kapitalistische Großbritannien zur ausgiebigen Shakespeare-Recherche – und das trotz eines als mangelhaft bewerteten Klassenstandpunktes. Und letztendlich natürlich seine Vorliebe für Auftritte vor Publikum, die ihn neben der Theaterbühne auch auf die Kabarettbühne brachte.

Ein Aspekt jedoch durchzog sein ganzes Leben: seine Narkolepsie-Krankheit, die landläufig auch unter dem Namen Schlafkrankheit bekannt ist. Dabei kommt es beim Auftreten der verschiedenen Symptome häufig zu absurden Situationen, die Gunter Böhnke in seine episodenhaft verfasste Biographie regelmäßig immer wieder einfließen lässt. Egal ob er in Schul- oder Studienzeiten in den Schulstunden und Vorlesungen, nicht selten mitten beim Schreiben, recht zuverlässig einschlief. Oder mitten in Gesprächen oder beim Essen. Oder einmal auch beim Motorradfahren – als Fahrer wohlgemerkt. Besonders die Schilderung einer konkreten Situation mit einer Kataplexie, eines schlagartigen Zusammenbruchs bestimmter Muskelfunktionen, bevorzugt des Sprech- und Bewegungsapparats, gibt dem Leser einen tiefergehenden Einblick in diese Erkrankung. So kommt Böhnke dann zu der folgenden Selbstbeschreibung (Seite 17):

„Das Okapi schläft nur 30 Sekunden, aber dafür mehrmals. Ich auch, aber am Tage. Ich ähnele also einer afrikanischen Waldgiraffe. Nicht in der Farbe. Nicht in der Größe. Doch im 30-Sekunden-Schlaf! Darüber müsste ich mal nachdenken.“

Böhnkes Biographie ist eine Zeitreise durch das 20. und beginnende 21. Jahrhundert, die das Alltagsleben, in dem Fall Gunter Böhnkes, vor dem Hintergrund der sehr ereignisreichen weltgeschichtlichen Entwicklungen zeichnet. Wie er, in Dresden geboren, mit seiner Familie noch 1943 in Richtung Osten in die Nähe des an der heutigen deutsch-polnischen Grenze liegenden Guben flüchtete, um den drohenden Bombenangriffen auf Dresden zu entgehen. Und als die Rote Armee von Osten immer näher rückte, im Januar 1945 wieder zurück nach Dresden. Um dann dort im Keller des Wohnhauses die Bombenangriffe des 13./14. Februar mitzuerleben. Seine Erlebnisse in der Nachkriegszeit. Wie seine Mutter mit dem Fahrrad – er als Fünfjähriger in einem Körbchen auf dem Gepäckträger sitzend – auf dem Weg zu einem Handballspiel stürzte und dies wahrscheinlich der Auslöser für seine Krankheit war. Und seine kurze Karriere im Fußball in der Jugend, die bis zur Bezirksauswahl reichte, in der er gemeinsam mit einem gewissen Eduard Geyer spielte, der in den 1970er Jahren Bestandteil des erfolgreichen „Dresdner Kreisels“ von Dynamo Dresden und 1989/90 letzter Nationalmannschaftstrainer der DDR war.

Böhnke beschreibt bildhaft die Praxis des realexistierenden Sozialismus in den unterschiedlichsten Lebensbereichen, angefangen von der Schule, seinem Aufenthalt in der Pionierrepublik „Wilhelm Pieck“, während des Studiums in Leipzig, sein Kampf um eine berufliche Tätigkeit, die seinen Vorstellungen entsprach, unter den Restriktionen des realsozialistischen Alltags und seine Arbeit als Bühnenschauspieler und Kabarettist mit ihren teils absurden Sonderbarkeiten, die auch Spätergeborenen sowie westdeutsch Sozialisierten detailliertere Einblicke in den DDR-Alltag zu geben vermögen. Inklusive eines kurzen Ausflugs in die Begriffswelt des DDR-Deutschs: von Aufstiegsellipse und Blockflöten über Rotlichtbestrahlung, LOM und blaue Kacheln. Und auch eine literaturhistorische Anekdote hat Gunter Böhnke zum Besten zu geben: Wie er die Briefkorrespondenz von Charles Dickens mit dem Leipziger Buchverleger Bernhard Tauchnitz entdeckt hatte, die dann allerdings in den Nachwendewirren spurlos verschwunden ist und bis heute verschwunden bleibt.

Böhnkes Leben ist reich an Facetten. Er hat sich stets gegen eine Mitgliedschaft in der SED gewehrt – ebenso wie seine Frau – und beide mussten deswegen so einige Benachteiligungen im Alltag in Kauf nehmen. Wobei Gunter Böhnke so manches mit einer gewissen Schlitzohrigkeit dennoch wieder zu ihren Gunsten drehen konnte. Kaum bekannt dürfte ebenfalls seine aktive Mitarbeit im Neuen Forum sein, das 1989 die Umwälzungen in der DDR maßgeblich mit in Gang gesetzt hatte und dem die Wohnung der Böhnkes wochenlang als Versammlungsraum gedient hatte.

Böhnkes gesellschaftspolitisches Engagement spiegelt sich vor allem aber in seiner jahrzehntelangen Arbeit als Kabarettist wider. Ist es doch die primäre Aufgabe von Kabarett, Missstände in einer Gesellschaft humorig aufzugreifen, zu persiflieren und es dabei gelegentlich auch bis ins Absurde zu übertreiben. Genau das versuchte jedoch die Nomenklatura einer der „drei bedeutendsten Staaten der Welt“, die mit „U“ anfingen, „die UdSSR, die USA und Unsere Deutsche Demokratische Republik“ (Seite 75), mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln zu verhindern. Und so entwickelte sich eine ganz besondere Sprache auf den Bühnen des DDR-Kabaretts, die schnell auch durch die Bevölkerung verstanden und aufgegriffen wurde. Zarte Andeutungen oder Doppeldeutigkeiten reichten – auch weil sie reichen mussten, um so der Zensur zu entgehen – um die Kabarettbesucher denselben Gedanken fassen zu lassen und dadurch umso heftigere Lachsalven zu produzieren. In westdeutschen Kabaretts wurde hingegen häufig mit gröberen Klötzen gearbeitet, die auch mich nach der Wende und dem Zugang dazu ob ihrer Holzhammermethoden oftmals nur mit dem Kopf schütteln ließen. Da forderten die fein ziselierten Andeutungen der DDR-Kabarettisten den Zuhörer deutlich stärker zum Mitdenken heraus.

Und so hat denn auch Gunter Böhnke sehr vieles über das Kabarett im Allgemeinen und die Leipziger „academixer“ im Speziellen zu erzählen. Da Böhnke mit Herz und Seele ein „academixer“ ist, kann es auch gar nicht anders sein, dass er einen großen Teil seines Buches einem der vielen Aspekte dieser zu den bedeutendsten Kabaretts der DDR, und sicher auch Gesamtdeutschlands, gehörenden Kleinkunstbühne widmet. Er schreibt sein Resümee der Entwicklung der Spielstätte, den „academixer“-Keller, zu der „schönste(n) Kabarettspielstätte Deutschlands“ (Seite 94) folgendermaßen:

„Nirgendwo in Nord-, Süd-, Ost- oder West-Westdeutschland gab es eine Bühne, deren Ambiente im Art déco erhalten war. Und nirgendwo besaß das Theater ein Gestühl, das dem Bauhaus in Dessau entlehnt war. 2017 wurde bei Restaurationsarbeiten im „Mixerkeller“ sogar ein Wandgemälde aus dem Jahr 1927 entdeckt.“

Dabei wird auch der Darstellung seiner Kabarett-Kollegen umfassend Raum eingeräumt, so dem langjährigen academixer-Leiter Jürgen Hart, der mit seiner inoffiziellen Sachsen-Hymne „Sing, mei Sachse, sing“ ein bleibendes sächsisches Kulturgut geschaffen hat, das auch nach seinem frühen Tod 2002 noch einen hohen Bekanntheitsgrad besitzt. Bernd-Lutz Lange ist für Gunter Böhnke mehr als nur ein Bühnenpartner aus gemeinsamen academixer-Zeiten. Die beiden Mitgründer der academixer standen nach ihrem Ausstieg aus den academixern von 1988 bis 2004 als Kabarettisten-Duo mit gemeinsamen Programmen auf der Bühne. So kann es auch nicht überraschen, dass ihm Gunter Böhnke ein ganzes Kapitel seiner Biographie widmet.

Die Programme der academixer, aber auch des Duos Böhnke/Lange sind zumeist mundartlich verfasst und spielen häufig mit darin liegenden Wortwitzen. Und so entwickelte sich fast zwangsläufig bei beiden eine große Liebe und Verehrung für die sächsische Mundartdichterin Lene Voigt. Doch nicht nur in ihren Bühnenprogrammen wird immer wieder auf Lene Voigt zurückgegriffen. Denn auch der gebürtige Leipziger und Wahl-Dresdner Tom Pauls – der also quasi die umgekehrte Himmelsrichtung von Böhnke genommen hat – hat schon lange seine Vorliebe für Lene Voigt entdeckt und dabei die von Voigt entwickelte Figur der Ilse Bähnert zu echtem Leben erweckt und auf die Bühne gebracht. Als bewusster und erklärter Pfleger der sächsischen Sprache unterstützt Gunter Böhnke die von Tom Pauls ins Leben gerufene Ilse-Bähnert-Stiftung. Seit 2008 wird durch die Stiftung alljährlich das „Sächsische Wort des Jahres“ in verschiedenen Kategorien vergeben.

Und so ist es auch selbstverständlich, dass in einer Biografie Gunter Böhnkes keinesfalls diverse Hinweise und Erläuterungen zum sächsischen Dialekt fehlen dürfen. So löst er – für Nichtsachsen ebenso wie für die des Sächsischen Mächtigen, die zwar vielleicht den Begriff kennen, aber nicht dessen Herkunft – die vermeintliche Verwirrung um das „Driddewahr“ als wahrhaft völkerverbindendes Element der Sprachforschung auf (Seite 39). Ein Wort, das auch ich noch aus meiner frühen Kindheit kenne, das inzwischen aber völlig aus dem sächsischen Sprachgebrauch verschwunden ist:

„Übrigens hatte ich, als ich noch klein war – als ich noch Kind war –, durchaus Schwierigkeiten mit unserem Dialekt. Meine Großmutter sagte oft zu mir: „Un du bleibst offn Driddewahr!“ Da hab ich überlegt: Das erste Wahr, das zweite Wahr, das dritte Wahr? Damit konnte ich aber nichts anfangen. Bis ich nach 1990 einmal in Paris war und hörte, wie eine Großmutter zu ihrem Enkelsohn sagte: „Reste chez moi, reste sur le trottoir!“ Mensch, das kenn ich doch! Sur le trottoir. – Natürlich: offn Driddewahr! – auf dem Fußweg!“

Gelegentlich das Verständnis erschwerend ist Böhnkes häufiges Switchen zwischen verschiedenen Zeitpunkten seiner episodenhaften Darstellungen. Auch wenn er zwar an irgendeiner Stelle immer auch benennt, auf welche Zeit sich das von ihm soeben Beschriebene bezieht, ist der Leser dennoch gezwungen, sich in diese andere Zeit stets aufs Neue hineinzuversetzen, um es im richtigen Kontext zu verstehen. Und, so kann man beckmesserisch noch hinzufügen, im letzten Viertel des Buches gibt es hier und da ein paar Längen, die dem Leser, zumindest mir, manchmal etwas zu weit hergeholt erscheinen. Aber das haben Autobiographien nun einmal so an sich: Was dem einen, dem Autor, wichtig erscheint, muss für den einen oder anderen Leser nicht unbedingt von überragendem Interesse sein.

Insgesamt bleibt jedoch festzuhalten, dass Gunter Böhnke ein vergnüglich zu lesendes Buch gelungen ist, das nicht nur einfach seinen Lebenslauf beschreibt, sondern sein facettenreiches Leben vor dem Hintergrund stetig wechselnder gesellschaftlicher Umstände anschaulich darstellt. Stets schimmert dabei seine Liebe zu seinen beiden Heimatstädten Dresden und Leipzig, aber auch zu seiner sächsischen Heimat insgesamt und natürlich zur sächsischen Sprache durch. Dabei geizt Böhnke – trotz des ernsten Themas seiner Krankheit – nicht mit selbstironischen Passagen. Als Kabarettist und Sprachjongleur kommt es so auch zum im Buch immer wiederkehrenden Doppeldeutigkeiten, die man als Leser mit einem Schmunzeln wahrnimmt (Seite 45/46):

„Später spielte ich auch als Statist am Theater. Ich hatte meist tragende Rollen. Ich trug einen Speer über die Bühne, schleppte eine riesige griechische Vase aus Pappe von links nach rechts oder den Hauptdarsteller über unseren Köpfen auf einer Trage hinaus. Dabei hatte ich meist das Glück, dass die anderen Träger mich überragten, sodass ich mich nur an der Trage festhalten musste.“

Gunter Böhnke war, ist und bleibt ein sächsisches Unikat, hinter dem mehr Ernsthaftigkeit steckt, als man auf den ersten Blick vermuten mag. Auch wenn er es immer mit einem Augenzwinkern zu verpacken weiß.

Gunter Böhnke, Das mach ich doch im Schlaf. Ein Heldenepos, Westend Verlag, Frankfurt/Main, 2020, 256 Seiten, Hardcover, 20,00 Euro


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