Warum Ungleichheit kaum etwas mit Leistungsgerechtigkeit zu tun hat – Eine Rezension von Per Molanders „Die Anatomie der Ungleichheit“

Ungleichheit ist das grundlegendste Streitthema aller Auseinandersetzungen, seit in grauer Vorzeit der erste Mensch einen Pflock in den Boden rammte und proklamierte „Das ist meins“, sagte sinngemäß schon der französische Philosoph Jean-Jacques Rousseau. Ungleichheit und das dieser zwingend zugrundeliegende, antagonistische Gegenspiel von Armut und Reichtum durchziehen alle menschlichen Gesellschaftssysteme von der Sklavenhaltergesellschaft bis zum heutigen, modernen Kapitalismus. Ungleichheit stellt die Primärursache allen Streits, aller Gewalttaten und aller Kriege dar. Stets ging und geht es darum, über etwas Besitz zu erlangen, das jemand anderem „gehört“. Bodenschätze, Ressourcen, Edelmetalle, Geld und andere Reichtümer, Reliquien und Heiligtümer, Land und Besitz wie auch auf diesem Boden lebende Menschen. Stets ging es darum, seinen Reichtum, seine Macht und seinen Einfluss zulasten eines Anderen – einer einzelnen Person, einer Gruppe oder eines Staates – zu vergrößern.

Ist Jeder seines Glückes Schmied?

So ist es dann auch verständlich, dass über kaum eine andere Thematik so häufig diskutiert wurde. Doch egal, mit wem man heutzutage spricht, wo man liest oder zuhört: Das wohl grundlegendste Narrativ unserer Gesellschaft lautet „Leistungsgerechtigkeit“. Hat es jemand „zu etwas gebracht“, dann hat er sich das auch verdient. Ist jemand reich, reicher und am reichsten, so hat er sich all dies selbst hart erarbeitet. Beredtster Ausdruck dessen ist das Sprichwort „Jeder ist seines Glückes Schmied.“ Wer auch nur irgendetwas davon infrage stellt, ist ein Ketzer, ein Dummkopf oder einfach nur ideologisch verbohrt. Sachliche Gespräche und Diskussionen sind in einem solchen Umfeld daher nur äußerst selten möglich, insbesondere bei grundsätzlich konträren Standpunkten.

Dabei gibt es eine Vielzahl wissenschaftlicher Werke, die Ungleichheit aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln beleuchten – aus soziologischer, aus psychologischer, aus gesellschaftswissenschaftlicher, aus philosophischer wie auch aus makroökonomischer Sicht. Arbeiten, die sich einerseits mit den gesellschaftlichen Folgen von Armut und Reichtum beschäftigen, die aber auch die Ursachen dafür zu ergründen suchen. Einen leicht veränderten Ansatz, den Ursachen von Ungleichheit auf den Grund zu gehen, hat nun der schwedische Mathematiker Per Molander in seinem neuen Buch „Die Anatomie der Ungleichheit“ gewählt. Molander zeigt mittels mathematisch-spieltheoretischer sowie logischer Herleitungen, wie Ungleichheit entsteht und wie sie sich, so denn einmal entstanden, schnell zunehmend vergrößert.

Molanders Werk lässt sich grob in zwei Teile gliedern. Im ersten analysiert er detailreich die Entstehung von Ungleichheit entwicklungsgeschichtlich, ausgehend vom Urzustand der Gleichheit, dem Naturzustand. Im zweiten Teil beschreibt Molander die Standpunkte der drei großen ideologischen Strömungen der Neuzeit – des Liberalismus, des Konservatismus und des Sozialismus – zur Frage der Ungleichheit sowie deren Antworten und Werkzeuge zu einer eventuellen Minderung selbiger. Dass in dieser Rezension stärker auf den ersten Teil des Buches Bezug genommen wird, hat praktische Erwägungen. Wie schon zuvor angedeutet, herrscht auch heute noch ein harter, geradezu unerbittlicher Kampf über die Ursachen und die Begründungen von Ungleichheit. Das Dogma des „Sich-Verdient-Haben“ dominiert in den verschiedensten Schattierungen die öffentliche Debatte. Wenn jedoch über die Ursachen von Ungleichheit so ein geringer Konsens existiert, verliert die Suche nach Möglichkeiten zu deren Minderung zwangsläufig, zumindest vorerst, an Bedeutung. Aus diesem Grund wird in dieser Buchbesprechung das Hauptaugenmerk auf die Entstehung und die Ursachen von Ungleichheit gelegt.

Zufall als maßgeblicher Faktor zur Entstehung von Ungleichheit

Per Molander startet seine Erforschung der Ungleichheit von der philosophischen Annahme eines ursprünglichen Naturzustandes, der Egalität. In einer solchen klassenlosen Gesellschaft, in der jedermann das zu seinem Überleben Notwendige selbst erwirtschaftete und demzufolge noch keine Arbeitsteilung herrschte, waren die Verhältnisse für alle gleich. Jeder erhielt genau das, was er eigenhändig herstellte oder anderweitig erwarb. Die Ergebnisse waren für alle tendenziell gleich, was kleinere Abweichungen jedoch nicht ausschloss.

Doch schon bei unseren Vorfahren, den Primaten, sind aufgrund der Bildung von Gemeinschaften erste hierarchische Entwicklungen erkennbar, die eine erste Form der Arbeitsteilung darstellen. Dabei handelt es sich um eine Art ungeschriebenen Sozialvertrag, der von allen Gruppenmitgliedern eingegangen wird, um der Ergebnisse ihrer gemeinschaftlichen Leistungen als soziale Gruppe teilhaftig zu werden. Das Leittier, zumeist das Alphamännchen, erhält im Gegenzug für seine Leistungen, den Zusammenhalt und das Funktionieren der Gruppe sowie die Abwehr äußerer Feinde, Vorzugsrechte. Diese können das Vorrecht auf gemeinsam erworbene Nahrungsmittel als auch das vorrangige Kopulationsrecht mit den weiblichen Angehörigen der sozialen Gruppe, aber auch das Recht auf die Beilegung von Streitigkeiten sowie die Verteilung der erworbenen Nahrung sein. Dadurch entsteht in der Gruppe zwangsläufig ein Machtgefälle zugunsten des Leittieres, welches diese Macht dauerhaft zu festigen sucht. Dennoch ist diese Macht flüchtig, denn sie beginnt und endet mit der individuellen Stärke des Leittieres im Verhältnis zu den Gruppenmitgliedern, aber auch des Machtgefüges zugunsten oder zulasten seiner Position innerhalb der Gruppe. Ausschlaggebend für den Status des Alphamännchens ist stets, wie gut er in seiner Gruppe „netzwerkt“, wie er einerseits individuelle Stärke beweist (oder auch nur vortäuscht), aber andererseits die anderen Gruppenmitglieder besänftigt und diese zu seinen Gunsten zu manipulieren in der Lage ist. Es sind beständige, unausgesprochene Verhandlungen über die Ausgestaltung ihres Sozialvertrages.

Diese Struktur lässt sich zumindest partiell auch auf die frühmenschlichen Gemeinschaften der Jäger- und Sammlergesellschaft übertragen. Erst mit dem Übergang zu einer sesshaften Lebensweise verändert und verfestigt sich der Charakter der Ungleichheit grundlegend. Das Verbleiben am selben Ort ermöglichte nun den Aufbau von dauerhaftem materiellem Besitz. Das war bei der unsteten Lebensweise zuvor so kaum möglich. Nun jedoch kann man Besitz an Grund und Boden erwerben sowie materielle Güter anhäufen. An diesem Punkt beginnen nun die bisher relativ egalitären Ergebnisse der regelmäßig neuen Aushandlungen des Sozialvertrages brüchig zu werden und ein zunehmendes Maß an Ungleichheit zu produzieren. Wie beschrieben, werden bei einer sesshaften Lebensweise die Ergebnisse der Vertragsverhandlungen dafür genutzt, materiellen Besitz – wenngleich auch vorerst nur vorübergehende, bis zur nächsten Runde der Verhandlungen überlebensnotwendige Ressourcen – aufzubauen. Die Höhe dieses Besitzes ist jedoch nicht nur von den Ergebnissen der letzten Verhandlungsrunde abhängig, sondern wird auch maßgeblich durch eine größere Anzahl externer Faktoren beeinflusst. Sollte sich das vom Besitzer erworbene Stück Land, dass er zur Bewirtschaftung nutzt, als weniger ertragreich erweisen als diejenigen der anderen Gemeinschaftsmitglieder oder eine Krankheit seine Tierherde dezimieren, so wird er mit einem geringeren Besitz in die nächste Runde der Vertragsverhandlungen gehen. Ebenso ist es möglich, dass sein Besitz oder Teile davon durch Naturgewalten wie Feuer, Blitzeinschlag oder Wasser zerstört werden und damit seinen Besitz mindern. Es sind also weniger die so häufig beschworenen Tugenden des Fleißes, der Anstrengung und des Könnens, sondern in weit höherem Maße auch Zufälle, meist externer Natur, welche die Ergebnisse beeinflussen.

Wie aus Ungleichheit recht schnell größere Ungleichheit entsteht

Unter solchen Umständen geht der Betreffende in die nächste Runde der Verhandlungen nun jedoch mit einem geringeren Verhandlungspotential als sein Gegenüber, der von diesem externen Einfluss nicht beeinträchtigt wurde. Anhand des sehr plastischen Beispiels eines Murmelspiels zeigt Per Molander nun auf, wie unterschiedliche Ausgangspotentiale bei Verhandlungen auch deren Ergebnis determinieren. Denn es ist mathematisch herleitbar, dass derjenige mit dem größeren Besitz zu Beginn der Verhandlungen auch nach deren Ende schließlich einen höheren Anteil des Gemeinschaftsergebnisses für sich erzielen kann. Da so mit jeder neuen Runde der Verhandlungen die Ausgangslagen immer unterschiedlicher werden, potenziert sich die anfänglich nur geringe Ungleichheit relativ schnell. Durch den Übergang zur Sesshaftigkeit sowie der damit verbundenen Möglichkeit, Besitz anzuhäufen, eröffnet sich nun auch der Weg, diesen materiellen Besitz auch auf die nächste Generation zu übertragen. Auch damit verstärkt sich die Tendenz zur Ungleichheit, da nunmehr auch die folgende Generation schon von Beginn an aus einer stärkeren Verhandlungsposition startet.

Allerdings lagen die Arbeitserträge in diesen Gesellschaften noch nahe des menschlich notwendigen Existenzminimums. Aus diesem Grund war eine extreme Ungleichheit schlicht unmöglich. Hätte die eine Seite erhebliche Reichtümer angehäuft, was ihnen ihre Verhandlungsmacht zweifellos gestattet hätte, so wäre der andere Teil der Gemeinschaft dadurch jedoch unter das lebensnotwendige Existenzminimum gedrückt worden – dieser antagonistische Zusammenhang zwischen Reichtum und Armut wird bis heute ja immer noch gern geleugnet – und hätte nicht überlebt. Damit wären sie jedoch auch als (Mit-)Produzenten des gesamtgemeinschaftlichen Reichtums ausgefallen. Es ist also vor allem der Eigennutz gewesen, der die gesellschaftlich Mächtigen sich selbst in ihrem Streben nach weiterem Besitz Zügel anlegen ließ und lässt. Generell bleibt festzuhalten, dass Gesellschaften, die sich nahe am Existenzminimum bewegen, relativ egalitär sind. Je höher sich diese Gesellschaften jedoch entwickeln, desto höher fällt auch der Produktionsüberschuss – über das Überleben Notwendige hinaus – aus. Und diesen Produktionsüberschuss eignen sich vorwiegend die gesellschaftlich Mächtigen an. Die Ungleichheit steigt. Dies wird nur nach unten insofern begrenzt, die Schlechtergestellten als Produktionsfaktoren einigermaßen arbeitsfähig zu erhalten. Diese verbleiben so mehr oder minder nahe am Existenzminimum. Erst die Herausbildung einer starken Gegenmacht wie die Durchsetzung der Demokratie mit dem allgemeinen Stimmrecht, die Bildung von Gewerkschaften sowie die Herausbildung des Wohlfahrtsstaates konnte diese Entwicklung immer stärkerer Ungleichheit vorübergehend abbremsen. Durch den Wegfall der Systemkonkurrenz mit dem Realsozialismus, die immer stärkere Schwächung von Gewerkschaften, aber auch die Erosion der Demokratie allgemein ist die temporäre Bremswirkung in den letzten drei Jahrzehnten jedoch immer mehr aufgehoben worden. Seither nimmt die Ungleichheit wieder deutlich zu.

Per Molander greift bei den Analysen in seinem Buch auf verschiedene Modelle der Verhandlungs- und Spieltheorie zurück und zeigt damit, dass er die Entstehung und die Ursachen von Ungleichheit nicht nur theoretisch-abstrakt untersucht, sondern dass er diese Thematik mittels auch einer für den Leser nachvollziehbaren Logik seziert. Permanent webt er in seine Gedankengänge Erkenntnisse der großen Philosophen der Menschheitsgeschichte, auch und gerade aus verschiedenen ideologischen Richtungen, ein: angefangen bei Aristoteles und Epikur, über Thomas Hobbes, David Hume, John Locke, Adam Smith, John Stuart Mill und Jean-Jacques Rousseau bis hin zu John Rawls, Karl Popper und Friedrich August von Hayek. Er nutzt deren Feststellungen, weist auf Differenzen zwischen diesen hin und widerlegt mitunter auch deren Darstellungen. So gelingt es Molander am Ende, seine Erkenntnisse widerspruchsfrei zu einem schlüssigen Konzept zusammenzufügen.

Wie stehen Liberalismus, Konservatismus und Sozialdemokratie zu Ungleichheit?

Nachdem Per Molander im ersten Teil seines Buches grundsätzlich und systematisch auf die Ursachen und die Entwicklung von Ungleichheit eingegangen ist, analysiert er im zweiten Teil ausführlich die Standpunkte der drei großen ideologischen Grundströmungen dazu und deren eventuellen Vorschläge, wie damit umzugehen sei.

Der Liberalismus hat zu Ungleichheit keine einheitliche Darstellung. Richtungsübergreifend steht der Liberalismus für einen Individualismus, der die Rechte des Einzelnen gegenüber anderen Gesellschaftsmitgliedern sowie im Verhältnis zwischen Individuum und Staat sichern soll. Ein kleiner Teil von ihnen folgt den Vorstellungen von Robert Nozick, der das völlig freie Spiel der Kräfte befürwortet, ohne die dadurch erzeugten Ungerechtigkeiten im Ergebnis überhaupt nur berücksichtigen zu wollen. Ein Großteil der Liberalen hingegen spricht sich für eine regelmäßige Anpassung des Regelsystems aus, das einer ungezügelten Ungleichheitsentwicklung entgegenwirken soll. Breiter Konsens im Liberalismus ist aber, dass Besitz auf die Ursachen von Erbe, sozialem Umfeld, Glück und Anstrengungen zurückzuführen sei, auch in dieser absteigenden Reihenfolge der Gewichtung. Auch aufgrund seiner historischen Entwicklung als Gegenpart zum Konservatismus befürworten Liberale eine Chancengleichheit des Einzelnen, da diese die Wirkung der generationenübergreifenden Eigentumsvererbung neutralisieren oder wenigstens reduzieren soll. Innerhalb des Liberalismus weichen dessen verschiedene Handlungsempfehlungen zur Ungleichheit jedoch fundamental voneinander ab. Während John Rawls einer starken Umverteilung zugunsten der Schlechtergestellten strikt das Wort redet, reicht die Bandbreite liberaler Philosophen von stärkeren bis hin zu marginalen Eingriffen. So bleibt festzuhalten, dass der Liberalismus zwar recht ähnliche Ansichten über die Ursachen von Ungleichheit hat, in Fragen der generellen Legitimität von staatlichen Eingriffen und erst recht bei konkreten Maßnahmen sehr breit gestreut ist.

Der Konservatismus ist generell stark traditionsbehaftet und daher an einer Beibehaltung der bestehenden Verhältnisse orientiert. Dieser Traditionalismus gründet häufig auf den verschiedenen Religionen, denen Molander dann in seinen Betrachtungen auch größeren Raum einräumt. So beruht nach der Meinung von Konservativen aktuelle Macht nicht selten auch auf historischen Verdiensten der dynastischen Herkunft, die gelegentlich gar an einen göttlichen Ursprung geknüpft wurde. Molander erläutert anhand der historischen und philosophischen Struktur des indischen Kastenwesens die Starrheit und Unveränderlichkeit der Machtstrukturen im Hinduismus. Auch das Christentum beschwört die Unterordnung unter die gegebene „göttliche“ Ordnung. Molander zeigt auf, wie religiöse Mythen – und deren flexible Auslegungen – über Jahrhunderte hinweg als Legitimation für Unterdrückung herangezogen wurden, bis hin zur Begründung der Rechtmäßigkeit und Folgerichtigkeit von Sklaverei. Auch im Islam ist die soziale Ordnung göttlichen Ursprungs. Da alle Menschen gleich sind, verliehe erst ein göttliches Eingreifen die Möglichkeit und damit auch zugleich das Recht, den Einen über einen Anderen zu erheben und ihn somit besserzustellen. Häufiges Argument zur Verteidigung des Status Quo: Wir leben in einer Welt, in der alles auf das Beste geregelt sei, denn wäre es nicht das Beste, wäre es nicht auf diese Weise geregelt (S. 163). Von daher befürwortet der Konservatismus zwar Umverteilung in Form von freiwilliger Mildtätigkeit (Solidarität – Christentum; Almosen – Islam), lehnt eine grundlegende Umverteilung jedoch als Bedrohung der ökonomischen Machtverteilung grundsätzlich ab. Daher ist konservative Politik stets darum bemüht, öffentliche und staatliche Macht einzuschränken, da sie in dieser die einzig bedeutende Institution erkennt, die wirtschaftlich begründete Macht zu begrenzen vermag.

Mit dem Aufkommen des allgemeinen Wahlrechts eröffnete sich ein neuer Weg, mithilfe dessen auch die über weniger Macht Verfügenden stärker in den Verteilungskampf eingreifen können. Darüber spalteten sich jedoch die Sozialisten in die Sozialdemokraten, die eine ernsthafte Einflussnahme auch im Rahmen einer konstitutionellen Demokratie für machbar hielten, sowie die Kommunisten auf, die erst nach einer Überführung der maßgeblichen ökonomischen Ressourcen in allgemeinen Besitz dieses Ziel als realisierbar betrachteten. Gemeinsam haben sie jedoch die Erkenntnis, dass es kein stabiles Gleichgewicht in der Frage der Verteilung gibt, sondern nur ein Ungleichgewicht, welches durch die unterschiedlichsten externen Umstände mehr oder minder stark beeinflusst wird. Das beinhaltet auch den Einfluss der jeweiligen Akteure, die, je größer und mächtiger sie selbst sind, auch größeren Einfluss auf das Verhandlungsergebnis zu ihren eigenen Gunsten zu nehmen in der Lage sind. Von daher spricht sich Molander für staatliche Eingriffe aus, da sich nur so ein stabiles Gleichgewicht herstellen lässt. Dabei geht es keineswegs nur darum, ob der Staat überhaupt eingreift, sondern auch, an welcher Stelle, mit welchen Mitteln und wie stark er interveniert. Da für den Erfolg bei Verhandlungen nur 3 Faktoren verantwortlich sind – Erbe, Zufall und Anstrengungen – und insbesondere die beiden ersteren dominieren, folgt daraus eine starke Begründung für staatliche Eingriffe. Denn die Vorherrschaft von Herkunft und Zufall bedroht die Legitimität der bestehenden Macht- und Verteilungsverhältnisse, da sie deren Narrativ der angeblichen Leistungsgerechtigkeit ad absurdum führt. Daran ändert auch der ebenfalls vorhandene Einfluss von Anstrengungen nichts, da insbesondere der sich selbstverstärkende Mechanismus von Ungleichheit durch Bemühungen des Subjektes nicht aufgewogen werden können.

Welche Maßnahmen Per Molander gegen Ungleichheit empfiehlt

Mit besonderem Fokus auf sozialdemokratisch orientierte Politik zeigt Molander typische Wege ihrer Umverteilungspolitik auf. Dabei kategorisiert er einerseits Maßnahmen, die die Voraussetzungen, und andererseits Aktivitäten, die die Resultate ausgleichen sollen. Demzufolge schlägt er einen Bogen, der von aktiver Bildungspolitik über ein gut funktionierendes Sozialsystem bis hin zu einem auf Ausgleich ausgerichteten Steuermodell reicht. Hierzu muss jedoch angemerkt werden, dass sich Molander bei seiner Analyse stärker auf das ursprünglich auch dem bundesdeutschen Sozialstaatsmodell nahestehende skandinavische Modell bezieht. Die Abkehr der Sozialdemokratie in Kerneuropa, insbesondere in Deutschland mit der Agenda 2010, erfährt dabei keine Beachtung. Dies ist umso bedeutsamer, da inzwischen auch in anderen Ländern, wie zum Beispiel Frankreich, Reformen durchgesetzt werden, die sich sehr stark an die Schrödersche Agenda-Politik anlehnen.

So verweist Molander unter anderem auf voraussichtliche Einkommenszuwächse durch eine erfolgreiche Bildungspolitik. Dies kann sich zwar bei isolierter Betrachtung als richtig erweisen, obwohl es das keineswegs muss. Allerspätestens jedoch bei gesamtgesellschaftlicher Denkweise löst es sich als ein Nullsummenspiel in Luft auf. Denn die Höhe der Löhne richtet sich, neben weiteren, nicht unwichtigen Faktoren, auch stark am Profil der Arbeitstätigkeit aus und nicht am Qualifikationsgrad desjenigen, der sie ausführt. Das lässt sich sehr schnell anhand der angenommenen Situation nachweisen, dass, wenn alle Mitglieder der Gesellschaft einen formal höheren Bildungsabschluss erlangen, daraus jedoch keinesfalls höhere Einkommen für Alle resultieren, sondern nur eine Fortschreibung des Status Quo auf einer nun höheren Qualifikationsebene.

Abschließend weist Molander darauf hin, dass, neben moralischen Begründungen, die in unserer Natur liegen, maßgeblich die Verhältnisse zwischen den Mitgliedern unserer Gesellschaft von den Unterschieden zwischen ihnen geprägt werden:

„Je egalitärer eine Gesellschaft ist, umso mehr Vertrauen haben die in dieser Gesellschaft lebenden Individuen zueinander.“

Diese Aussage Molanders erhält gerade durch das tiefe Misstrauen, das unsere Gesellschaft in den letzten Jahren immer stärker durchzieht, eine besondere Bedeutung. Mit Verweis auf den amerikanischen Soziologen Robert Putnam stellt Per Molander eine größere Anzahl von positiven gesellschaftlichen Auswirkungen egalitärerer Gesellschaften dar, die vergleichbare Dimensionen haben wie die in Richard Wilkinsons „The Impact of Inequality“. Hierbei stellt Molander jedoch klar, dass es dabei keinesfalls ausschließlich nur um die monetäre Dimension geht, sondern alle Aspekte von Gleichheit (Ausbildung, Gesundheit, verfügbares Einkommen etc.) mit einfließen.

Was wir aus Molanders Buch lernen können

Per Molanders „Die Anatomie der Ungleichheit“ ist viel mehr als ein weiteres Buch zum leidigen Thema Ungleichheit. Er ergründet auf wissenschaftlicher Basis die Ursprünge und Ursachen der immer drastischeren Ungleichheit in unserer Gesellschaft. Im Zuge dessen enttarnt Molander das gebetsmühlenartig widergekäute Narrativ der Leistungsgerechtigkeit als Mythos, welches einzig und allein den beständig wachsenden Reichtum des „einen Prozent“ beweisen soll. Per Molanders Verdienst ist es nicht so sehr, bisher völlig unbekannte Erkenntnisse zutage gefördert zu haben. Dass Erbschaften ebenso wie der Zufall eine wichtige Rolle bei der Entstehung und der Verfestigung von Ungleichheit haben, war auch schon vorher den meisten Menschen zumindest bekannt. Das Besondere am Inhalt des Buches ist jedoch, wie stringent, aber auch wie leichtverständlich er den Nachweis führt, wie stark diese beiden Faktoren die Entstehung von Ungleichheit determinieren und wie gering hingegen der Einfluss der vielbeschworenen Tugenden der Leistung und der Anstrengung darauf ist.

Das heutige Zeitalter ist davon gekennzeichnet, dass die Ungleichheit immer obszönere Ausmaße annimmt. Ausmaße, die jede menschliche Vorstellungskraft sprengen. Ausmaße, die aber auch weit jenseits jeglicher rationalen Begründung liegen. Denn es existiert kein einziger, mit Vernunft zu begründender Nachweis, der einen 1.000-fachen, 10.000-fachen oder gar 100.000-fachen Einkommensunterschied mit dem Argument eines gleich großen Leistungsunterschiedes und somit eine angebliche Leistungsgerechtigkeit erklären könnte. Noch deutlicher tritt dieser Fakt bei der Vermögensungleichheit zutage. Wenn trotz exzessiv ausgelebten Reichtums das reichste Prozent der Weltbevölkerung genauso viel besitzt wie die anderen 99 Prozent, kann niemand dies mit Leistung und Gerechtigkeit begründen wollen, ohne sich damit lächerlich zu machen. Mit Leistung hat das nichts zu tun.

Per Molander liefert in seinem Buch „Die Anatomie der Ungleichheit“ die Ursachen für die Entstehung und die darauffolgende rasante Zunahme von Ungleichheit. Bilden zu Beginn vor allem der Zufall und nur in sehr geringem Maße Veranlagungen und Anstrengungen eine erste Ursache für die Entwicklung von (vorerst noch geringer) Ungleichheit, so potenziert sich diese anschließend sehr schnell aufgrund eines sich in ebensolchem Maße entwickelnden Machtgefälles. Molander gelingt es in seinem Buch, diese Mechanismen schlüssig darzulegen. Einzig und allein nach unten existiert eine Schranke, das Existenzminimum. Doch selbst diese trägt einen funktionalen Charakter. Soll sie doch dafür sorgen, die Armen gerade noch arbeitsfähig zu erhalten, um dadurch den Reichtum der Mächtigen und somit die Ungleichheit noch weiter zu steigern.

Jedoch selbst diese Schranke beginnt nach und nach, immer brüchiger zu werden. Je stärker sozialdarwinistische Ansichten in der Gesellschaft salonfähig werden, umso mehr macht sich auch die Einstellung breit, dass ein Teil der Armen keine nützliche Funktion für die Gesellschaft mehr habe und ihnen deswegen selbst das Existenzminimum nicht mehr gewährt werden müsse. Gedanken, die Per Molander zwar nicht zum Ausdruck bringt, die jedoch die Fortsetzung seiner Ausführungen darstellen. Denn diese Art des Nützlichkeitsrassismus begann verstärkt seit Franz Münteferings „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen!“ oder Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ immer weiter in unserer Gesellschaft um sich zu greifen und eine Auseinandersetzung damit sollte in diesem Zusammenhang keinesfalls fehlen.

Die Lesefreude ungemein anregend und dabei hochinteressant sind Per Molanders Querbezüge auf völlig andere Wissenschaftsbereiche, die den Leser zuerst einmal aus dem Lese-Rhythmus reißen und ihn auf den ersten Blick irritieren. Sind seine Ausflüge in die Tierwelt und die Menschheitsgeschichte im Kontext der Untersuchung von Ungleichheitsursachen noch schnell nachvollziehbar, erscheint der Exkurs zur Entstehung des Flugwesens zuerst einmal so, als hätte er keinerlei Bezug zur Thematik. Erst nach und nach erschließt sich dem Leser die Bezugnahme auf das eigentliche Thema. Dies ist einerseits ungemein belebend und lockert den Lesefluss erfrischend auf, nötigt dem Leser aber auch ein gewisses Maß an Aufmerksamkeit ab.

Man kann, ja man muss, Molanders Buch als einen eindringlichen Appell für (mehr) Gleichheit verstehen. Indem er belegt, wie sehr die These der Leistungsgerechtigkeit und die mit diesem Argument begründete, immer extremere Ungleichheit auf tönernen Füßen steht und nur allein aus sich heraus noch größere Ungleichheit gebiert, kann es nur die Forderung nach erheblich mehr Ergebnisgleichheit geben. Der Punkt des, wenngleich überschaubaren, Einflusses von persönlichen Fähigkeiten und Mühen auf die Ergebnisse von gemeinschaftlicher Wohlstandsmehrung berechtigt zwar dazu, neben weiteren Begründungen dafür, ein gewisses Maß an Ungleichheit als sinnvoll, notwendig, sogar gerecht zu erachten. Dieses Maß ist jedoch mit den heutigen Verhältnissen mehr als nur überschritten. Dieses Maß an Ungleichheit ist nicht nur ohne ernstzunehmende Begründung und höchst ungerecht, sondern es zerstört zunehmend die Grundfeste unserer Gesellschaft als Ganzes.

Per Molander, „Die Anatomie der Ungleichheit – Woher sie kommt und wie wir sie beherrschen können“, Westend Verlag Frankfurt, 224 Seiten, 24 Euro

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