Tage im Oktober – Zwischen Euphorie und Angst

Vor sechsundzwanzig Jahren geriet in der DDR etwas in Bewegung, in zum ersten Mal auch spürbare Bewegung. Wenn auch die Bewegungen immer schneller, die Ausschläge immer heftiger wurden, es gab dennoch – abseits dieses zunehmenden Rumorens an vielen Orten im Land – auch den ganz normalen Alltag der Menschen. Man lebte, man liebte, man ging zur Arbeit und kämpfte mit den kleinen Widrigkeiten des Alltags. Diesem Alltag habe ich mich anhand meiner ganz persönlichen Erlebnisse schon im ersten Teil gewidmet. Hier nun die Fortsetzung des Berichtes über die damaligen Ereignisse.

Ohne weitere Hindernisse kam ich dann am Abend des 1. Oktober mit dem Zug in Leipzig an. Doch die Vorkommnisse hatten nicht nur mich aufgeschreckt. Sie waren natürlich an diesem Abend und dem darauffolgenden Montag Gesprächsthema Nummer Eins unter uns Studenten. Jeder kam aus einem anderen Teil der DDR und wusste so etwas zu erzählen von eigenen Erlebnissen. Aus Plauen. Aus Reichenbach. Aus Schwerin. Aus Dresden. Aus Berlin. Aus Rostock. Jeder konnte etwas beisteuern, Selbsterlebtes oder Gehörtes.

Im Laufe dieses Tages verfestigte sich mein Entschluss, selbst zur Montagsdemonstration zu gehen. Die Angst war zwar enorm, denn ich wusste überhaupt nicht, was mich dort erwartete. Könnte ich festgenommen werden? Was würde dann mit mir passieren? Doch mit der jugendlichen Unbekümmertheit wischte ich diese Bedenken schnell beiseite und dachte nicht lange darüber nach. Denn dass sich in diesem Land etwas ändern sollte und dass ich erstmals eine realistische Chance dafür sah – das stand für mich außer Frage. Zum Glück begaben sich noch einige Kommilitonen ebenfalls mit auf den Weg in die Innenstadt, sodass man sich schon aufgrund der reinen Anwesenheit gegenseitig Mut einflößte.

Als wir dann die Straßenbahn bestiegen, schafften wir es kaum, in den ohnehin schon überfüllten Wagen zu kommen, so groß war der Andrang an der Haltestelle. Und so standen wir wie Ölsardinen in der Dose: dicht an dicht. Inmitten dieser vielen Menschen überkam mich plötzlich ein euphorisches Gefühl, sodass es ein verrückter Mix aus Beklommenheit und Enthusiasmus war, der in mir hin- und herwogte. Bis ganz in die Innenstadt kam die Straßenbahn jedoch erst gar nicht, denn auf dem Innenstadtring liefen ja die Demonstranten. Immer mehr Bahnen stauten sich auf dem Weg dorthin und so bildete sich ein immer größer werdender Zug von Menschen, die die letzten Kilometer zu Fuß zurücklegten. Am Innenstadtring angekommen, sahen wir nur noch Menschen, wohin wir auch blickten. Aus Richtung der Hauptpost kommend, zogen sie an uns vorüber, am Hauptbahnhof vorbei, in Richtung des, wegen seiner markanten Aluminium-Fassade als „Blechbüchse“ bezeichneten, Konsument-Warenhauses.

Sofort mischten wir uns mitten unter die sich bewegenden Demonstranten. Inmitten dieser vielen Menschen fühlten wir uns nun auch deutlich sicherer. Hier und da gab es zwar schon ein paar vereinzelte Plakate – mit Farbe beschriebene, weiße Bettlaken – die übergroße Mehrzahl der Demonstranten lief jedoch ruhig und schweigend den Leipziger Innenstadtring entlang. Gelegentlich erhob sich die Parolen „Keine Gewalt!“ oder „ „Neues Forum“ zulassen!“, die dann schnell den ganzen Demonstrationszug erfassten und nur langsam wieder abebbten. Hundertschaften der Volkspolizei, auch hier mit dem ungewohnten Schutzhelm ausgestattet, waren zwar zu sehen, doch Übergriffe auf die Teilnehmer waren zumindest aus meiner Sicht nicht wahrnehmbar. So ging der Zug nach und nach einmal rund um die Leipziger Innenstadt, immer wieder unterbrochen, weil es plötzlich stockte. Doch irgendwann war diese Runde beendet und die meisten der Teilnehmer ging ruhig wieder in Richtung Heimat. Uns stand also noch ein über einstündiger Fußmarsch bevor, denn in umgekehrter Richtung fuhr natürlich erst recht keine Straßenbahn. Und so erreichten wir müde und abgekämpft, aber doch irgendwie euphorisiert das Wohnheim.

Die folgende Woche ging anschließend wieder ihren „sozialistischen Gang“. Die Vorlesungen und Seminare wurden nun deutlich intensiver. Die jeweils anderthalbstündigen Vorlesungen waren für uns nicht nur ungewohnt lang und anstrengend, waren sie doch doppelt so lang wie die Unterrichtsstunden, die wir bisher gewohnt waren. Auch die vielseitigen, notwendigerweise schnellen Mitschriften ließen aus der eigenen, immer so gelobten Handschrift bald ein nur noch schwer zu entzifferndes Gekrakel werden. Das öffentliche Leben hingegen blieb, zumindest an der Oberfläche, jedoch erst einmal völlig unverändert und da gab es ja für uns immer noch das anstrengende Nachtleben, das unsere Aufmerksamkeit erforderte. Denn es war ja immer noch alles neu, fremd und interessant in diesem neuen Leben, an einem neuen Ort, mit neuen Leuten. Und hatte man erst einmal die Aufgaben für die Seminare des folgenden Tages erledigt, konnte man endlich auf Feierabend- und Feiermodus schalten.

Das Wochenende war ich mit noch einigen anderen Kommilitonen in Leipzig geblieben. Zwar hörte ich nebenbei von der Demonstration am 7. Oktober in Berlin, hatte jedoch keine Vorstellung vom Ausmaß dieser Proteste. Denn einen Fernseher hatten wir in unserem Wohnheimzimmer nicht, nur ein kleines Kofferradio, das uns mit Informationen versorgte. Außerdem gab es für uns doch wahrlich Besseres, womit wir uns am Wochenende beschäftigen konnten …

Doch mit dem Montag kam bei mir auch schnell das Interesse an der aufgewühlten, gesellschaftlichen Situation zurück. Dies steigerte sich umso mehr, als zu Beginn der montäglichen Mathematik-Vorlesung, die für alle Studenten meines Studienjahres obligatorisch war, plötzlich die SED-Parteisekretärin der Hochschule das Podium betrat. Erstmals wurden, außerhalb der DDR-Medien, die Demonstrationen nun offiziell zum Thema gemacht. Doch auch die Parteisekretärin schlug einen ähnlichen Ton an. Auch sie sprach von „konterrevolutionären Elementen“, welche „einen Sternmarsch auf Leipzig“ geplant hätten. Und sie schloss mit der nur wenig verhohlenen Warnung, dass sie nicht dafür garantieren könne, was mit denjenigen von uns passieren würde, die bei dieser Demonstration durch die Polizei aufgegriffen würden. Eine Inhaftierung klang in ihren Worten ebenso unausgesprochen unterschwellig mit wie eine mögliche Exmatrikulation.

Nur schwer fanden wir nach dieser fünfminütigen Ansprache zur trockenen Mathematik, die ohnehin ein sehr schwieriges Feld war, zurück. In uns rumorte es. Warum diese Brandrede und warum diese Warnung? Was könnte jedem von uns persönlich widerfahren, wenn er an der Demo teilnahm? Sollte ich oder sollte ich nicht? Es war sicherlich eben genau diese Unsicherheit, die die Rede der Hochschulparteisekretärin hervorrufen sollte. Diejenigen unter uns Studenten, welche zur Montagsdemonstration gehen wollten, begannen zu schwanken. Und die, die zuvor unsicher waren, entschlossen sich wahrscheinlich, es bleiben zu lassen. Auch ich blieb davon nicht verschont. Eigentlich hatte ich ja ursprünglich gehen wollen. Doch nun? Als ich im späteren Verlaufe des Tages gefragt wurde, ob ich zu einer Party kommen würde, hatte ich so den rettenden Ausweg aus meinem Dilemma gefunden. Nun hatte ich die „Begründung“ vor meinem eigenen Gewissen, weshalb ich nicht zur Demo gehen „konnte“.

Als ich am nächsten Tag dann von verschiedenen Seiten Einzelheiten über die Demonstration erfuhr, wurde ich auf mich selbst etwas böse. Niemand hatte mir von Eskalationen im Zusammenhang mit der Demo zu berichten gehabt. Die Zahl der Teilnehmer, die über die Medien kolportiert wurde, hatte sich gegenüber der vorherigen Woche noch einmal vervielfacht. Und ich wollte doch dabei sein! Ich wollte mich daran beteiligen, eine Entwicklung in der DDR anzustoßen. Gewissermaßen für eine „andere DDR“. Eine Entwicklung, die mir zuvor gar nicht mehr möglich erschien.

Und so stand für mich fest, dass ich keinesfalls die nächste Montagsdemonstration noch einmal versäumen würde. Die gefühlte, ganz akute Bedrohung schien ohnehin ein wenig nachzulassen. Die DDR-Medien begannen punktuell, nicht mehr in einen so martialischen Ton zu verfallen, wenn sie über die Demonstrationen und die Bürgerrechtsbewegungen berichteten. Ganz langsam setzte eine neutralere Berichterstattung ein. Zumal nur wenige Tage später „Der schwarze Kanal“, der wegen der ideologisierten Phrasen seines Moderators Karl-Eduard von Schnitzler von vielen in der Bevölkerung stark abgelehnt wurde, seinen Sendebetrieb einstellte. Doch diese Sendung sahen ohnehin nur wenige vollständig. Der Anfang der Sendung war zwar unvermeidlich, denn sie folgte direkt auf den, besonders in den älteren Generationen so beliebten, Montagsfilm. Anschließend stellten viele jedoch den Fernsehkanal um oder gleich ganz aus. So erhielt der Moderator im Volksmund den Spitznamen „Karl-Eduard Vonsch“ oder „Karl-Eduard von Schni“. Dies hing jeweils von der Entfernung zwischen Sessel und Fernseher und der dafür benötigten Zeit ab, die man zum Aus- oder Umschalten brauchte. Damals natürlich noch ohne Fernbedienung. Für die Wahrnehmung der Öffentlichkeit war „Der schwarze Kanal“ jedoch ohnehin kaum von Bedeutung. Wichtiger war die Wortwahl in den Hauptnachrichtensendungen, mit der die Protestbewegungen bedacht wurden. Und diese wurden Stück für Stück neutraler und weniger abwertend.

So war es für mich dann am nächsten Montag auch völlig klar, dass ich wieder mit dabei bin. Ich hatte mich inzwischen auch auf die äußeren Umstände besser eingestellt. Hatte ich mir auf dem langen Rückweg von meiner ersten Montagsdemo noch die Füße wund gelaufen, so achtete ich diesmal darauf, die richtigen Schuhe für längere Wanderungen anzuziehen. Diesen Montag war der Demonstrationszug noch imposanter als zwei Wochen zuvor. Waren es am 2. Oktober noch um die 20.000 Teilnehmer, wie ich jedoch erst Jahre später aus diversen Publikationen erfuhr, so demonstrierten am 16. Oktober geschätzte 120.000 Menschen auf dem Leipziger Innenstadtring. Auch die von den Demonstranten skandierten Losungen hatten sich gewandelt. Vielfach waren nun Sprechchöre wie „Demokratie – jetzt oder nie“ oder „Wir bleiben hier!“ – als Kontrast zu der vorherigen Parole „Wir wollen raus!“ – zu hören. Neben den auf weißen Bettlaken gemalten Losungen waren nun auch erstmals Bilder auf Pappschildern unter den Demonstranten zu sehen. So zum Beispiel auch ein Erich Honecker in gestreifter Häftlingskleidung und mit ebenfalls gestreiften Käppi.

Nach diesem Montag stieg in mir die Erkenntnis auf, dass diese Entwicklung nun wohl kaum mehr aufzuhalten sein dürfte. Die folgenden Wochen gaben mir recht. Nie in meinem Leben jemals zuvor oder danach habe ich solche ereignisreichen Wochen wieder erlebt. So ziemlich alles änderte sich in rasender Geschwindigkeit. Das gesellschaftliche Leben, politisch-gesellschaftliche Gesprächsthemen, das Ende der allseits herrschenden Phraseologismen in den Medien ebenso wie in offiziellen, gesellschaftlichen Strukturen. Auch das Leben an unserer Hochschule. Heute noch bereitete man sich, wenn auch stöhnend, auf ein Seminar oder eine Vorlesung vor, denn beide waren Pflichtveranstaltungen, deren Teilnahme protokolliert wurde. Am nächsten Tag, eventuell sogar noch auf dem Weg zu der Veranstaltung, erfuhr man, dass das Fach ersatzlos aus dem Studienplan gestrichen wurde oder durch ein anderes, aber in ähnlicher Fachrichtung liegendes ersetzt wird. Der Studentenrat der Hochschule erhielt plötzlich ein enormes Gewicht, denn der neue Hochschulrektor beratschlagte sich nun mit ihm gemeinsam über die Neustrukturierung der Studienausrichtung, die Studienfächer und auch sonstige, die Hochschule betreffende Belange. Sicherlich ziemlich einzigartig, selbst in der etwas anarchischen Umwälzungsphase im gesamten DDR-Hochschulbetrieb. Davon konnte auch der Studentenrat der großen Karl-Marx-Universität gleich nebenan nur träumen.

Doch vorerst nahm für die nächsten Tage und Wochen ein wichtiges Großereignis meine ganze Aufmerksamkeit und Zeit in Anspruch: die Vorbereitung und Durchführung des Faschingsauftakts unseres Hochschulkarnevalsvereins am 11.11. und meine eigene Mitwirkung daran. Denn der CCM-Fasching war nicht nur über die Grenzen Leipzigs hinaus bekannt, er war regelrecht legendär. Darauf hatte ich mich schon seit Studienbeginn gefreut. Ältere Studiensemester hatten darüber schon die tollsten Geschichten erzählt. Und so wollte ich nicht nur dabei sein, sondern unbedingt mitmachen.

So war der Herbst ´89. Weltpolitisch Bedeutendes stand direkt neben scheinbar banalem Alltag. Beides ging Hand in Hand, teils sogar fließend ineinander über. Große Geschichte hat immer auch den Alltag an ihrer Seite. Ebenso wie aus dem Alltag gelegentlich Geschichte wächst.

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