Tage im Oktober – Wie es begann

Sechsundzwanzig Jahre ist es nun her, dass machtvolle Demonstrationen in einer größeren Anzahl von Städten in der DDR das immer mehr verkrustete Land an den Rand einer Zerreißprobe brachten. Sie brachen die erstarrte Gesellschaft auf und wurden schlussendlich selbst durch den Sog der Ereignisse fortgerissen. Ein bedeutsames, historisches Ereignis mit weltpolitischen Auswirkungen – und dennoch eingebettet auch in einen ganz normalen Alltag seiner Bürger. Ein paar ganz persönliche Erinnerungen an diese Wochen der radikalen Veränderungen, die jedoch die Erlebnisse so vieler von damals widerspiegeln dürften.

Da stand ich nun also am Anfang eines historisch zu nennenden Umbruchs – und hatte doch nicht einmal die leiseste Ahnung davon, was dies wirklich für mich und für viele Millionen Menschen bedeuten würde. Vor gerade mal einem Monat, Anfang September 1989, hatte ich mein Studium begonnen, ohne dass dieses auch richtig begann. Denn – wie seit Jahrzehnten in Leipzig üblich – wurden für die Leipziger Herbstmesse alle nur verfügbaren Unterkünfte benötigt, um den Messebesuchern eine Übernachtung bieten zu können. Dass dazu selbst die reichlich spartanisch eingerichteten Studentenwohnheime genutzt wurden, war angesichts der überschaubaren Anzahl von Hotels in Leipzig die gängige Praxis. Und so mussten alle Studenten der Leipziger Universität sowie der Hochschulen ihre Plätze in den Wohnheimen vorübergehend räumen, bevor sie überhaupt erst bezogen waren. Stattdessen hatten sie einen dreiwöchigen Arbeitseinsatz – häufig in landwirtschaftlichen Einrichtungen – zu absolvieren. Diese drei Wochen gemeinsamer Betätigung hatten für uns Studenten auch einige positive Aspekte: als frisch Immatrikulierter bekam man so ausreichend Gelegenheit, die neuen Kommilitonen der Seminargruppe während der gemeinsamen Arbeit, aber auch beim abendlichen Zusammensein, erst einmal in aller Ruhe kennenzulernen.

Drei Wochen später, zum „scharfen“ Start des Studiums an der Hochschule zurück, begann es immer noch recht beschaulich. Wir Erstsemester besuchten Einführungsveranstaltungen zu den einzelnen Studienfächern, lernten die verschiedenen Hörsäle und Seminarräume an den sehr unterschiedlichen und über die gesamte Innenstadt verteilten Standorten kennen. Auf der Suche nach diversen Sportplätzen, Turn- und Schwimmhallen – im Rahmen des damals üblichen, obligatorischen Hochschulsports – lernten wir en passant so manchen Außenbezirk Leipzigs kennen, der nicht nur mich erschreckte. Ich hatte ja schon einige verfallene Häuser in Dresden oder anderen Städten kennengelernt. Der Zustand mancher kompletter Straßenzüge (ARD „Kontraste“ vom 12.09.1989) in einigen Leipziger Stadtvierteln machte jedoch auch mich entsetzt und sprachlos.

Wir machten uns also mit den Abläufen an der Hochschule vertraut – bis hin zum Erwerb der rechtzeitig vorher zu kaufenden Essensmarken für die eigene, kleine Mensa unserer Hochschule – und stellten fest, dass der eine oder andere Professor auf seine ganz eigene Art schon ein ziemliches Unikum ist. Denn wer hat schon einen Mathe-Prof, der in der Vorlesung vor über 300 Studenten vom Katheder steigt, um Einzelnen von ihnen Fragen zu stellen, sich nach ihrem Namen zu erkundigen und sie dann in der nächsten Vorlesung erneut, diesmal aus dem Gedächtnis heraus sogar namentlich, aufzurufen? Vor allem war da aber diese große Unsicherheit, was nun auf einen zukommt. Hatte man doch immer wieder gehört, dass die Anforderungen beim Studium nun ganz andere seien, dass gegenüber dem Abitur hier ein ganz anderer Wind wehen würde. Doch andererseits war der neue Studienalltag ja auch nur der Pflichtteil des neuen, aufregenden Lebens. Die Kür fand zumeist abends statt. Die Erkundung des Leipziger Nachtlebens mit seinen vielen, zu ergründenden Studentenclubs, vor allem aber der wohnheiminterne Studentenclub, der open-end oftmals bis früh ein oder zwei Uhr – im Gegensatz zu den damals üblichen, allgemeinen Öffnungszeiten – zum Feiern einlud und zu dem man notfalls auch in Hausschuhen schlurfen konnte. Ein Studium also, bei dem man nicht nur studierte, sondern auch Student war.

Dieses neue und aufregende Leben also war es, was ich nun führen sollte – und wollte. Und dennoch – etwas mischte sich unter die allgemeine Stimmungslage. Etwas, was ich bisher noch nicht kannte. Bis vor fünf Monaten war ich noch von sämtlichen Informationen außerhalb der offiziellen Lesart abgeschnitten. Denn bis Ende April hatte ich den 18-monatigen Grundwehrdienst bei der Armee abzuleisten und in unserer Kaserne waren private Radios strikt verboten. Die NVA-eigenen Radioempfangsgeräte ließen jedoch nur die vier offiziellen DDR-Radioprogramme zu. Da erfuhr niemand etwas, was außerhalb der offiziellen Lesart der Staatsführung war. Auch nach meiner Entlassung aus der Armee blieb die Nachrichtenlage eher überschaubar. Denn in meiner damaligen Heimatregion, im Osterzgebirge südlich von Dresden, war die Möglichkeit, westliche Medien zu empfangen, erheblich eingeschränkt. Nicht umsonst hatte diese Region rund um Dresden, auch aufgrund der großen Entfernung zu den sendenden Weststationen, im Volksmund den Spitznamen „ARD“ – „Außer Raum Dresden“. Westdeutsche Fernsehprogramme waren generell nicht empfangbar. Gelegentlich fand eher noch ein tschechoslowakischer Fernsehsender bei entsprechender Wetterlage seinen Weg bis in diese Region. Und selbst westliche Radioprogramme waren im Großraum Dresden nur bei günstiger Wetterlage, mit zumeist starkem Rauschen und dabei nur auf Kurz- oder Mittelwelle zu hören. Die Informationslage der dort Lebenden war also maßgeblich auf die ziemlich gleichlautenden Nachrichten (aus dem Kabarettprogramm der Dresdner Herkuleskeule von 1977) der offiziellen DDR-Medien beschränkt.

Nun also, mit einmonatiger Verzögerung, erlebte ich in Leipzig Ende September ´89 die erste Überraschung, als ich meinen Platz im Studentenwohnheim bezog. Denn ganz entgegen dem, was für mich bisher tägliche Normalität war, klang mir dort, in der sechsten Etage des Wohnheims, die NDR-Verkehrsdurchsage absolut kristallklar auf UKW entgegen, als ich erstmals mein neues Zimmer betrat. Und die Informationen, die man aus deren Nachrichten entnehmen konnte, unterschieden sich deutlich von denen, die die allgemeine Nachrichtenlage der DDR-Medien hergab. Die Ausreisewelle über Ungarn und die ČSSR, Friedensgebete in der Leipziger Nikolaikirche, die ersten Montagsdemonstrationen um den Leipziger Ring ab September, die Vorgänge rund um die Flüchtlinge in der Prager Botschaft, die daraufhin umgehend eingeführte Visumspflicht für DDR-Bürger für das „sozialistische Bruderland“ ČSSR – all diese, sich regelrecht überstürzenden Ereignisse fanden eine ausführliche Darstellung in den westdeutschen Medien, während sich die offiziellen Medien der DDR entweder im Totschweigen dieser Vorgänge oder andernfalls dem diffamierenden Jargon von „staatsfeindlichen Elementen“ oder „konterrevolutionären Subjekten“ ergingen. Als „gelernter DDR-Bürger“ vermochte man diese Darstellungen zwar einigermaßen einzuordnen. Die wirkliche Dimension der Ereignisse war dennoch nicht abschätzbar.

Doch es waren nicht nur die Nachrichten aus dem Radio von mehr oder minder entfernten Geschehnissen, die meine wahrgenommene Welt veränderten. Von heute auf morgen war auch ich selbst mittendrin. In der Regel fuhren die meisten der Studenten über das Wochenende nach Hause, außer diejenigen, die weiter entfernt wohnten und sich diese Strapaze einer vielstündigen Bahnfahrt nur aller zwei Wochen zumuten wollten. Angesichts des äußerst kurzen Wochenendes – aller zwei Wochen hatten wir an unserer Hochschule Vorlesungen bis Sonnabendmittag – hätten diese auch länger im Zug gesessen, als sie zuhause gewesen wären. Finanziell waren die Fahrten hingegen kein Problem, denn jeder Student hatte auf der Strecke zwischen Studien- und Wohnort mit der Deutschen Reichsbahn freie Fahrt. So war auch ich am Sonntagabend, dem 1. Oktober, wieder auf dem Weg nach Leipzig. Durch die recht unterschiedlichen Darstellungen in verschiedenen Medien jedoch vorsichtig geworden, ließ ich mich mit dem Auto auf den Dresdner Hauptbahnhof fahren, da ich mir nicht sicher war, wie zuverlässig der öffentliche Zubringerverkehr noch funktionierte. Was ich dort jedoch sah, ließ mir den Atem stocken. Beim Gang um den Hauptbahnhof zum Haupteingang – das Auto hatten wir etwas abseits geparkt – kamen wir am Busbahnhof, der direkt neben dem Bahnhof lag, vorbei. Und dort sah ich erstmals in meinem Leben Volkspolizisten, wie ich sie sonst nur aus den Nachrichten des DDR-Fernsehens über westdeutsche Polizisten kannte: mit weißem Schutzhelm und Visier, mit Schutzschild und Schlagstock. Ein Bild, das sich mir bis heute tief eingeprägt und das seine Schrecken bis heute nicht verloren hat. Ein Bild wie aus einer anderen Welt. Bis dahin kannte ich die DDR-Polizisten nur in ihren dunkelgrünen Uniformen, mit Schirmmütze und ohne jegliche, sichtbare Bewaffnung. Ich eilte beklommen an ihnen vorüber und atmete auf, ohne Probleme den Zug nach Leipzig erreicht zu haben.

Im nächsten Teil können Sie erfahren, was sich in den ereignisreichen Tagen auf den Straßen Leipzigs, aus meiner ganz persönlichen Perspektive, abspielte.

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