Segnungen der Liberalisierung

Seit Jahr und Tag wird durch die öffentlichen Meinungsbildner beständig wiederholt, dass die staatlichen Monopole für eine funktionierende Marktwirtschaft Gift seien, da der Staat viel zu ineffektiv, zu träge, zu teuer und nicht kundenorientiert wäre. Nur der Wettbewerb von freien Unternehmen würde zu mehr Leistung bei niedrigeren Preisen führen. Diese Mär ist inzwischen allgegenwärtig, sodass es immer schwerer erscheint, trotz gegenteiliger Erfahrungen gegen diese Fata Morgana anzukämpfen. Infolgedessen wurden nach und nach die Fernsehlandschaft, der Telefon- und Strommarkt bis hin zu Verkehrsdienstleistungen, Kranken- und Pflegeeinrichtungen und weiteren Gütern der öffentlichen Daseinsvorsorge liberalisiert und privatisiert. Mit fatalen Folgen für die Verbraucher. Ein Erfahrungsbericht

Hier möchte ich nun über ein persönliches Highlight, das trotz eines inzwischen jährlich wiederkehrenden Rituals beständig neue Überraschungen bietet, berichten. Seit Jahren stößt der Preis für Haushaltsenergie in immer neue Sphären vor. Regelmäßig schwanken die alljährlichen Preissteigerungen zwischen fünf und zehn Prozent. Dies sogar trotz der seit geraumer Zeit gesunkenen Preise an der Leipziger Strombörse. Nun gibt es zwar die ständig wiederholte Aufforderung, zu einem billigeren Stromanbieter zu wechseln, was ja durch die Liberalisierung erst möglich gemacht wurde. Unglückerweise besteht allerdings nur eine einmalige Chance, von einem teuren Anbieter zu einem billigeren zu wechseln. Ist man erst einmal Kunde bei diesem, schlägt jede Preiserhöhung mit voller Wucht durch, ohne dass noch ernsthafte Alternativen bestünden. Es verbleibt nur noch die Möglichkeit, innerhalb der geringen Preisschwankungen der billigsten Anbieter alljährlich einen Wechsel zu vollziehen. Mit entsprechend wenig Gestaltungspotential.

Auch die noch zuvor mit großem medialen Aufwand inszenierte Alternative der außergewöhnlich billigen Anbieter, nämlich diejenigen mit Vorauskasse, hat sich alsbald als das herausgestellt, was manche Kritiker dieses Modells schon von Beginn an als enormes Risiko betrachtet hatten. Das mit einem riesigen Tam-Tam und mit dem bekannten Gesicht von Rudi Völler verzierte Unternehmen TeldaFax erwies sich als riesiges Schneeballsystem, dass mit seinem Vorkassemodell nur durch eine immer weiter wachsende Kundenzahl überleben konnte, bis irgendwann der Schneeball unter seiner schieren Größe auseinanderbrach. Erst nach diesem Desaster setzte sich langsam die Einsicht durch, dass das vermeintliche Sparmodell Vorauskasse mit einem extrem hohen Risiko behaftet ist, die eine Nutzung desselben nicht rechtfertigt. Denn wie so häufig gehen nur die Firmeneigner aus solchen Insolvenzen als klammheimliche Gewinner hervor, während die Verbraucher fast immer das Nachsehen haben.

… und steigt … und steigt … und steigt

Die folgende Tabelle beinhaltet eine Auflistung der Preisentwicklung für Strom in der Leipziger Region. Diese Hinzufügung ist deshalb erwähnenswert, da sich die Endverbraucherpreise deutschlandweit zum Teil erheblich unterscheiden. Vielen Menschen ist dieser Punkt jedoch häufig gar nicht bekannt. Bei den angeführten Preisen handelt es sich generell um einen der zum jeweiligen Zeitpunkt günstigsten Stromanbieter, selbstverständlich unter Ausschluss von Vorkassemodellen:

Es wird ersichtlich, dass sich der (weniger einflussreiche) Grundpreis seit 2004 zwar nicht erhöht hat, die Arbeitspreise hingegen beträchtliche Preissprünge vollzogen. So hat sich der Endpreis für den Stromverbraucher innerhalb von 10 Jahren beinahe verdoppelt. Dieser erschreckende Fakt steht völlig im Gegensatz den bis zum heutigen Tag verkündeten Verheißungen der Strommarktliberaliserung. Der Pseudo-Wettbewerb zwischen den Tochterfirmen der großen Stromkonzerne führt keineswegs zu günstigeren Preisen für die Kunden.

Die Servicewüste lebt

Doch auch der zweite Teil der überschwänglichen Lobpreisungen steht auf reichlich tönernen Füßen. Der vermeintliche Servicecharakter der Privatanbieter ist einfach nur als desaströs zu bezeichnen. Im Falle einer Nachfrage oder eines dringenden Anliegens muss sich der Verbraucher regelmäßig zuerst durch ein vielstufiges, mehrminütiges Computermenü hangeln, um anschließend nach einer mehr oder minder langen Warteschleife zu einem Mitarbeiter eines Callcenters vorzudringen. Der einem je nach persönlicher Kompetenz zwar mit guten oder weniger guten Informationen versorgen kann, für verbindliche Zusagen jedoch keine Berechtigung besitzt.

Besonders im Kündigungsprocedere offenbaren sich gravierende Servicemängel, denen auch mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit unterstellt werden darf, kein Zufall zu sein. Auch hier vermag ich aus einem reichen Erfahrungsschatz zu schöpfen, der an Absurditäten nichts zu wünschen übrig lässt.

Als ich nun auch diesmal zum alljährlichen Anbieterwechsel schritt, durfte ich ein paar neue, überraschende Wendungen erleben. Nachdem ich zunächst als erstes meiner „Eigenverantwortung“ gerecht wurde, indem ich die vielen Angebote der unterschiedlichen Stromanbieter sichtete und verglich, dabei selbstverständlich auch die verschiedenen Nebenabmachungen samt Kundeneinschätzungen bzgl. Seriosität auch nicht aus dem Auge verlieren durfte, beobachtete ich diese Angebotspreise daraufhin über ca. zwei Wochen. Denn mehrere Firmen ändern täglich ihre Offerten, während einige wenige sie über mehrere Wochen stabil halten. Ein enormer Aufwand also, der auch nicht unbedingt vergnügungssteuerpflichtig ist.

Nach meiner Entscheidung für einen neuen Lieferanten schloss ich per Internet einen Vertrag ab. Dies beinhaltet, wie ich aus den vergangenen Jahren lernen durfte, eine automatische Kündigung durch den neuen Anbieter beim alten. Denn ohne einen logischen Grund dafür benennen zu können, wurde mir vor Jahren erklärt, dass eine eigene Kündigung des Kunden zu Komplikationen führen könne und dies deshalb prinzipiell dem neuen Lieferanten überlassen werden solle. Doch bald darauf lernte ich kennen, was es heißen kann, diese schwierige Arbeit einer Kündigung durch private Dienstleistungsexperten durchführen zu lassen. Denn nach zwei weiteren Wochen erhielt ich die Nachricht, dass die Kündigung abgelehnt worden sei, ich aber immerhin zum 01.01.2015 als Neukunde vermerkt wurde.

Antrag auf Erlangung des Kündigungsbestätigungsformulars A38

Die nun folgenden Vorgänge erinnern im hohen Maße an die Erlangung des berühmten „Passagierscheins A38“, die schon Obelix in den Wahnsinn trieben. Gegenseitige Verweise auf die Zuständigkeit der jeweils anderen Seite, von welcher man sich, als der Antragsteller, benötigte Bestätigungen zu holen habe und ohne die ein eigenes Handeln nicht möglich sei. Was Behörden können, können Private schon lange. Und das auch mindestens genauso gut. An das Callcenter braucht man sich mit seinem Anliegen jedoch nicht zu wenden, denn nur schriftliche Bestätigungen sind in diesem Zusammenhang relevant. Schriftliche Anfragen jedoch werden mit einem – nunja – gewissen zeitlichen Abstand beantwortet. So verstrichen mehrere kleinen Sonnen, ehe alle (bewusst?) falsch verstandenen (Des-)Informationen ausgeräumt und sämtliche so dringend benötigte Unterlagen für eine einfache Kündigung nach Sonderkündigungsrecht besorgt und bereitgestellt waren. Der Vertragsbeginn mit dem neuen Anbieter konnte aufgrund dessen auch nicht eingehalten werden.

Doch man geht nun fehl, wenn man glauben würde, damit alle Hürden überwunden zu haben. Nun wurde zwar ein relativ nahe gelegener Kündigungstermin festgelegt, ein reibungsloser Übergang zum neuen Anbieter wurde dennoch nicht gewährleistet. Denn dieser wiederum teilte anschließend mit, dass die Anmeldung beim Netzbetreiber bis zu 14 Tagen dauern könne. Solange ist der Verbraucher also ohne vertraglichen Stromlieferanten und fällt an den Grundversorger der Region. Dieser jedoch ist regelmäßig einer der teuersten Anbieter. Daraus resultieren mehrfache selbst zu tätigende Ablesungen, Abrechnungen, Überweisungen und selbstverständlich weiterer Schrift- und Telefonverkehr. Summa summarum hat dieser andauernde Hickhack den Verbraucher nicht nur mehrere Tage Aufwand gekostet, sondern allzu häufig noch erheblich Nerven.

Von all den verkündeten Segnungen der Marktliberalisierung bleibt in der Praxis nichts Weiteres übrig als ein riesiger Ballon voll mit heißer Luft. Die Öffnung der Märkte für private Anbieter hat weder zu gesunkenen Preisen noch zu einer Zunahme im Kundenservice gesorgt. Ganz im Gegenteil. Immer mehr Menschen in der Bundesrepublik sehen sich außerstande, die extrem gestiegenen Kosten für Haushaltsenergie aus ihrem schmalen Budget zu bestreiten. Gleichzeitig füllen die Beschwerden und negativen Erfahrungsberichte über den katastrophal schlechten Servicecharakter der verschiedenen Anbieter ganze Aktenkeller. Doch völlig unbeeindruckt von diesen Fakten wird auch heute noch ein Hochlied auf die Liberalisierung der Märkte gesungen. Die Wahrnehmung der Realität stört dabei nur.

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