Der Homo neanderthalensis und die Neuzeit

In der Evolution erwarb sich der Homo sapiens gegenüber dem Homo neanderthalensis unter anderem dadurch einen entscheidenden Vorteil, weil er aufgrund seiner physischen Konstruktion sehr viel besser zur Sprache und damit zur Wiedergabe seiner Gedanken, Gefühle und Absichten geeignet war. Auch Tausende Jahre später stellen wir dies immer wieder fest, obwohl es manchmal gar nicht im Interesse des Sprechenden ist. Doch allzu oft verraten Worte, was gar nicht gesagt werden soll. Der Zuhörer muss nur genau auf das Gesprochene achten und gelegentlich Eins und Eins zusammenzählen.

„MDR Info“ berichtete am 04.12.2009 über die Bundestagsdebatte zum „Wachstumsbeschleunigungs-Gesetz“, welches auch eine Erhöhung des Kindergeldes beinhaltet. Den Vorwurf der Opposition, gerade die ärmsten Familien, nämlich die der Hartz-IV-Empfänger, von dieser Zahlung auszuschließen, konterte der Stellvertretende FDP-Fraktionsvorsitzende Carl-Ludwig Thiele, dass der Schwerpunkt nicht auf diesen Familien und Kindern liege. Die Kommentatorin des MDR flankierte diese Äußerung damit, dass „belohnt werden müsse, wer sich um Arbeit bemüht.“ Zusammengefasst heißt dies, Hartz-IV-Empfänger(innen) bemühen sich nicht um Arbeit.

Nur zwei Meldungen später wird über den Konjunkturbericht der Deutschen Bundesbank berichtet. Dabei wird sich die deutsche Wirtschaft nach deren Voraussage im Jahr 2010 weniger rückläufig entwickeln als früher prognostiziert, dennoch aber die Arbeitslosigkeit von aktuell rund 3,3 Mio. offiziell verkündeten Arbeitslosen auf über 4 Mio. ansteigen.

Der Homo neanterthalensis würde sicherlich an dieser Stelle, sofern er all dies erfassen könnte, die Betrachtungen abschließen und diese Informationen als gegeben hinnehmen. Der Homo sapiens hingegen sollte, sofern er seiner evolutionären Stellung auch gerecht werden möchte, auch in der Lage sein, diese beiden Informationen miteinander zu verknüpfen und auf ihre Logik hin zu überprüfen.

Dabei tritt jedoch Erstaunliches zutage. Nachdem die Hunderttausenden neuhinzukommenden Arbeitslosen aus der Bundesbank-Prognose doch jahre- oder jahrzehntelang treulich ihrer staatsbürgerlichen Pflicht nachgekommen sind, Werte für die Gesellschaft zu erwirtschaften und Steuern zu zahlen, mutieren sie quasi über Nacht zu Arbeitsunfähigen, ja gar Arbeitsunwilligen, welche sich nicht einmal um Arbeit bemühen.

Homo sapiens wird nach Erkennen dieser Widersprüche zu der Einsicht kommen, dass der Wahrheitsgehalt mindestens einer dieser Meldungen Null sein muss. Umso erstaunter ist er, dass beide als Information verpackten Meldungen nebeneinander in einem Nachrichtenkanal platziert werden, ohne deren Plausibilität auch nur zu prüfen. Könnte er doch so vermuten, dass einige Exemplare des Homo neanderthalensis wider Erwarten überlebt haben und nun unter dem optischen Deckmantel des Homo sapiens ihre unreflektierten Weisheiten unter das Volk zu bringen versuchen.

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