Der Fluch des Kleingedruckten

Mit Verzückung entnahm ich am gestrigen Tag meinem Briefkasten eine Wahlwerbung für die Europawahl, auf der mir gleich auf der Vorderseite in großen Lettern die Losung ins Auge sprang:

„Arbeit muss sich wieder lohnen.“

Daneben das Foto einer freundlich blickenden Dame mit dem blendendsten Zahnweißlächeln einer Zahnarztgattin. Ach nein, ist sie doch selbst Mitglied unserer Elite, wie ihr Doktortitel suggeriert. Nicht nur Doktorengattin. Nun las ich auch, welcher der politischen Parteien diese mich ansprechende Losung zu verdanken ist: der FDP.

Auf der Suche nach der neuen FDP-Forderung für einen allgemeinen Mindestlohn von mindestens 10 Euro, welcher diese Losung mit Leben erfüllen würde, begann ich nun auch das Kleingedruckte auf der Rückseite zu lesen. Doch dabei bestätigte sich wieder einmal die alte Weisheit, auch immer das Kleingedruckte unbedingt zu beachten. Prangte mir doch gleich an erster Stelle entgegen: „Mehr Netto vom Brutto“. Sollte ich nun also auch mich dafür einsetzen, dass der deutsche Staat ein noch höheres Defizit im Staatshaushalt einfährt, weil er noch weniger Steuern einnimmt? Dann könnte die Bundesregierung doch noch weniger „systemrelevanten Banken“ mit Staatsgeldern unter die Arme greifen und sie vor dem sicheren Untergang bewahren. Sollte ich dies als verantwortungsvoller deutscher Staatsbürger wirklich wollen?

Noch etwas anderes fiel mir in diesem Zusammenhang auf. Wollte Frau Doktor Koch-Mehrin, denn sie war diese freundlich dreinblickende Dame, dem Wähler einen neuen Weg aufzeigen, wie sich Arbeit doch wieder lohnen könnte? Getreu dem Motto: „Abschaffung der Anwesenheitspflicht für Arbeitnehmer!“. „Freiheit zur selbstbestimmten Anwesenheitsquote zwischen 75 und 45 Prozent!“ Hatte sie doch in selbstaufopfernder Vorbildwirkung dem Arbeitnehmer vorgemacht, wie so etwas funktionieren kann. Mit einer Anwesenheit von 45 bis 75 Prozent (je nach Definition) Leistungen von 100 Prozent einstreichen. Da lohnt sich Arbeit doch wieder!

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