Betrachtungen eines Teilnehmers der Leipziger Montagsdemonstrationen des Herbstes 1989
20 Jahre – Ein Zeitraum, in dem eine neue Generation heranwächst. 20 Jahre – Ein Zeitraum, den man über sich ergehen lassen musste, um in der DDR einen „Lada“ zu bekommen. 20 Jahre – Ein Zeitraum, den wir seit der „Wende“ zurückgelegt haben. 20 Jahre – Zeit für ein Resümee.
16. Oktober 1989. Dreihunderttausend Menschen liefen auf dem Innenstadtring von Leipzig, um gegen das Machtsystem in der DDR zu demonstrieren. Sie wollten nicht mehr so weiterleben, im real existierenden Sozialismus der Marke DDR. Jeder hatte seine ganz persönlichen Vorstellungen und Wünsche von dem Leben danach. Seine eigenen Gründe, warum er sich einreihte in die Phalanx der Unzufriedenen. Der Eine wünschte sich, nicht mehr nur die Küsten des Balaton oder der Ostsee zu sehen, sondern auch endlich die Pyramiden von Gizeh. Der Andere wollte nicht mehr 12, 15 oder 20 Jahre auf ein neues Auto warten, sondern sich spontan seine Wünsche erfüllen können. Um dann auch nicht mehr von einem Schlagloch in das nächste zu fahren und sich damit das Auto zu ruinieren, er wollte auf den schönen ebenen Straßen, die er nur aus den wenigen Westfilmen kannte, fahren. Die bunte Glitzerwelt des Westens mit all seiner blinkenden Leuchtreklame, den schönen bunten Verpackungen übte eine anziehende Wirkung auf die Meisten aus. Manche wollten einfach nur mal The Police, Bruce Springsteen, Udo Lindenberg oder Die Ärzte in einem Konzert erleben. Viele hatten von der Bevormundung durch „Die Partei“ genug. Sie wollten darüber reden dürfen, was ihnen nicht gefällt. Manche nannten es Freiheit, andere Selbstbestimmung.
Dies ist nun 20 Jahre her. Wo stehen wir 20 Jahre nach dem Beitritt der DDR zur BRD heute wirklich? Führte der Weg, den wir damals begannen, in die richtige Richtung? Wie viele dieser Wünsche sind in Erfüllung gegangen, welche haben sich in Luft aufgelöst? Was ist aus diesen Menschen geworden, die ihre Zukunft, manche gar ihr Leben dafür eingesetzt haben, dass sich in diesem Land Grundlegendes ändert? Viele haben sich diese ihre Wünsche und Träume erfüllt. Sie haben Gizeh gesehen. Sie hatten sich mit ihrer ersten DM das so heiß ersehnte Westauto gekauft. Sind von einem Konzert zum nächsten gezogen. Und haben endlich offen darüber gesprochen, was ihnen auf der Seele brannte.
Doch dieser erste Rausch ist inzwischen vorüber. Viele von ihnen haben feststellen müssen, dass es hinter der glitzernden Fassade auch ein Gerüst gibt. Und dieses Gerüst hat marode Balken, welche langsam immer deutlicher zutage treten. Denn plötzlich hatten sie keine Arbeit mehr und wurden der Möglichkeit beraubt, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Spätestens seit der Einführung der Hartz-Gesetze wurden sie auch noch zusätzlich bestraft, indem zu diesem Identitätsverlust auch noch massive finanzielle Überlebensängste hinzukamen. Andere sind noch in Lohn und Brot. Doch für mehr als für selbiges reicht die schlechte Bezahlung nicht mehr aus. Die Erinnerungen an Gizeh sind schon lange verblasst, das Auto krankt an allen Ecken und Enden und gibt bald ganz seinen Geist auf. Die Schlaglöcher auf den Straßen erreichen inzwischen auch wieder langsam das rekordverdächtige DDR-Niveau. Konzerte kann man nur noch jenseits des Absperrzaunes erleben. Das Geld, welches man sich zu DDR-Zeiten zusammensparen konnte, weil es so wenig zu kaufen gab, ist schon lange aufgebraucht. Selbst mit der so vielbeschriebenen Meinungsfreiheit ist es nicht weit her. Der Umgang mit den Demonstranten gegen den G8-Gipfel in Heiligendamm 2007 und dem G-20-Gipfel 2008 zeigte sehr deutlich, wie man auch in dieser freiheitlich-demokratischen Grundordnung mit Andersdenkenden umgeht. Wie auch im Nachhinein das Verfassungsgericht bestätigen musste. Doch das zu einem Zeitpunkt, als kaum mehr eine Kamera auf diese Vorgänge gerichtet war.
Und noch viel mehr haben die damaligen Demonstranten verloren. 1989 könnten diese sich sicher sein, dass es viele Menschen gab, die ihre Gedanken teilten und die sie unterstützten. Oft reichte zwischen ihnen eine doppeldeutige Formulierung aus, um zu wissen, dass der Gegenüber dasselbe dachte. Doch diese Solidarität ist inzwischen einem Egoismus gewichen. Die Meisten sehen nicht hin, wenn es ihrem Nachbarn schlecht geht, wenn er Hilfe bräuchte. Es zählt einzig und allein das persönliche Wohl. Und je stärker der Druck durch die Wirtschaft und die Politik auf die Arbeitenden und Arbeitslosen wird, umso mehr steigt die Entsolidarisierung unter ihnen. Stattdessen wird nachgeplappert, was monologisierend tagtäglich von Politikern und Medien gebetsmühlenartig vorgetragen wird. Richtiger wird es dadurch nicht.
Der geistigen Unfreiheit in der DDR folgte die ökonomische Unfreiheit in der Bundesrepublik. Eines eint jedoch beide Staaten. Je stärker die jeweilige Unfreiheit wird, umso plakativer tragen deren Vertreter ihren Freiheitsbegriff wie eine Monstranz vor sich her. Die täglichen Jubelmeldungen in den staatlichen Medien der DDR wurden durch einseitig intendierte Nachrichten eines miteinander verquickten Systems von Wirtschaft, Politik und Medien abgelöst. Ein Vergleich beider assoziiert eine Entscheidung zwischen den Alternativen „Hölle“ oder „Fegefeuer“.
Für Millionen Menschen haben sich die Träume von vor 20 Jahren in Luft aufgelöst. Die vollmundigen Versprechungen westdeutscher Politiker von „blühenden Landschaften“ haben eine radikale Metamorphose in einen Kahlschlag der persönlichen Lebensbäume und -träume durchlaufen. Die Träume und Wünsche der Demonstranten von damals, welche sich auch gegen den Egoismus und die Selbstherrlichkeit der herrschenden Parteikaste richteten, sind zerschellt am Egoismus der heutigen Wirtschafts- und Politikkaste. Geändert hat sich nichts. Es wurden nur die Fähnchen gewechselt.